Ein Vortrag von Hodschat-ul-Islam Sayyid Muhammad Rizvi – Frei übersetzt von Mahdiyar
Wir sehen in dieser Gesellschaft, dass die Leute zu Extremen tendieren. Wenn die Kriminalitätsrate niedrig ist, reden alle über Vergebung. Wenn die Kriminalitätsrate steigt, fordern alle härte Maßnahmen. Vor allem Politiker nutzen diese Stimmungsschwankungen für sich, um Wähler anzuwerben. Wir müssen nicht von einem Extrem ins andere übergehen. Allah ist der Schöpfer der Menschen und er spricht darüber sehr eindeutig. Wenn jemand ein Verbrechen begeht und bereits ‚bulugh’ (die religiöse Reife erreicht hat) ist, dann ist er dafür verantwortlich.
Die Jugendkriminalität hängt sehr stark zusammen mit dem Thema: „Gutes gebieten und Schlechtes verwehren“. Viele Muslime glauben, es müsste eine Institution geben für Al-amre bil-ma’aroof wal nahyi anil-munkar’. Für die Verwirklichung dieses Gebots trägt sowohl der Einzelne als auch die Gemeinschaft Verantwortung. Das beginnt bereits im eigenen Haus. Beim Gespräch zwischen Eltern und Kindern. Je größer der Einfluss, das Ansehen, die Macht einer Person in seiner Gemeinschaft ist, desto größer wird seine Verantwortung Al-amre bil-ma’aroof wal nahyi anil-munkar zu praktizieren. Ein Beispiel hierzu: Die Eltern besitzen die Macht im Haus. Sie besitzen die Macht über ihre Familie, ihre Kinder, ihren Besitz … Al-amre bil-ma’aroof wal nahyi anil-munkar ist hier von entscheidender Bedeutung und wird einen sehr starken Einfluss haben, auf die Kinder. Im Quran steht:
Und die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen sind einer des anderen Beschützer: Sie gebieten das Gute und verbieten das Böse und verrichten das Gebet und entrichten die Zakah und gehorchen Allah und Seinem Gesandten. Sie sind es, derer Allah Sich erbarmen wird. Wahrlich, Allah ist Erhaben, Allweise (9:71).
Hier wird die Verantwortung deutlich. Die Gläubigen schützen sich gegenseitig vom Übel und laden ein zum Guten. Dieses Prinzip wird in sehr vielen Gemeinden nicht umgesetzt. Niemand wagt es mehr zu sagen: „Hey, was du tust ist falsch!“ Wir sind sogar soweit, dass nicht einmal mehr die Eltern was sagen. Viele haben Angst. Sie haben Angst ihre Wörter würden Falsch ankommen. Irgendwann wird das Problem immer größer und die Eltern ergreifen dann wieder eine extreme Lösung. Auch hier sehen wir den Übergang vom einem Extrem (Passivität) ins andere Extrem (Überwachung, etc).
In den islamischen Gemeinschaften im Nahen Osten fühlten sich alle verantwortlich. Die Kinder des Nachbarn, waren genauso wie die eigenen Kinder. Dieses Verhalten gibt es aber hier nicht oder nicht mehr. Vor allem in Asien und Afrika findet man noch solche Gemeinden, wo die ganze Nachbarschaft ein Auge auf die eigenen Kinder wirft. Wenn das eigene Kind etwas Schlechtes tut und man hat es selber nicht gesehen, dauert es nicht lange, bis die Nachbarn einem darüber informieren. Jeder fühlt sich Verantwortlich für den Anderen. Wenn das Kind mit schlechten Leuten herumläuft, erfährt man das sofort durch die anderen Gemeindemitglieder. Natürlich gibt es auch hier die Tendenz zum Extremen, wo der Lehrer sich dann die Freiheit nimmt, das Kind auch mal körperlich zu züchtigen. Es geht mir aber vielmehr um den Gedanken der Verantwortung. Dieses Bewusstsein gibt es hier nicht.
Hier sieht man, wie die Kinder aufwachsen und den Respekt vor älteren Menschen verlieren. Eine Geschichte hierzu: Einmal war ein Mann in einem Geschäft und sah, wie ein kleines Mädchen Schokolade kaufen wollte und der Verkäufer zu ihr sagte: „Nein, das kannst du nicht kaufen, nimm dir eine andere Schokolade.“ Das Mädchen nahm eine andere Schokoladen Sorte und der Verkäufer war damit einverstanden. Der Mann, der dieses Ereignis aus der Ferne beobachtete ging zum Verkäufer und fragte: „Wieso, haben sie dem Mädchen eine andere Schokoladen Sorte empfohlen?“ Der Verkäufer sprach: „Ich bin Muslim und ich weiß, dass sie eine Muslima ist. In ihrer Schokolade war etwas, was für sie verboten war, daher empfahl ich ihr eine andere Sorte zu nehmen.“ Der Mann war sehr beeindruckt davon. Der Verkäufer fühlte sich verantwortlich für das Mädchen. Dieser Gedanke faszinierte den Mann: Muslime fühlen sich verantwortlich für die Kinder ihrer Gemeinschaft. Heute gibt es so was nicht. Hier verkauft man einem alles und man schaut auch öfter mal weg bei Alkohol, Zigaretten … Das Geld ist wichtiger geworden, als das Bewusstsein für Gutes gebieten und Schlechtes verwehren.
Fortsetzung: Verantwortungsbewusstsein der Muslime (Teil 2)







